29.01.2020

Ein Saarhundert alt: Irmina Naumann

Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die das Saarland in seinen geschichtlichen Anfängen erlebt haben. Irmina Naumann aus dem Caritas SeniorenHaus Hasborn gehört zu ihnen.

Text: Marion Schmidt, Saarbrücker Zeitung
Veröffentlichung in der Saarbrücker Zeitung vom 24.01.2020

 

Irmina Naumann verbindet eine besondere Gemeinsamkeit mit dem Saarland. Sie war quasi von Anfang an dabei. Als das Saarland am 10. Januar 1920 gegründet wurde, stand ihr erster Geburtstag bereits vor der Tür. Auch mit ihrem 100-jährigen Jubiläum war die Seniorin dem Saarland wieder eine Nase voraus. Sie feierte ihren denkwürdigen Tag bereits am 31. Januar 2019 in der Gemeinde Tholey in einem Seniorenhaus in Hasborn. „Das war ein großer Tag für Frau Naumann. Wir hatten unseren großen festlich hergerichtet und den ganzen Tag über kamen viele Gäste. Frau Naumann sprühte schon Tage vorher voller Vorfreude und steckte alle an“, erinnert sich Vera Schmidt, die Leiterin des Hauses.


Am 31. Januar 1919 in Bildstock geboren, gehört Irmina Naumann noch zu einer Generation, die Geschichte erlebt und viel zu erzählen hat. In selbst geschriebenen Gedichten und Geschichten, die sie in ihrem Zimmer in einem Schränkchen in einer Sammelmappe sorgsam aufbewahrt, lässt die lebensfrohe Seniorin Stationen ihres Lebens Revue passieren. Ihre Kindheit fällt in die Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1920-/1930er Jahren mit einer hohen Arbeitslosigkeit sowie in die Zeit der Weimarer Republik. Sie erlebt die von Reichskanzler Heinrich Brüning im Jahre 1930 verhängten Notverordnungen. „Diese Notverordnungen sind mir noch so im Gedächtnis, weil sie meine Familie hart getroffen haben. Wegen einer Kriegsverletzung sollte mein Vater eine kleine Rente bekommen, die ihm dann aber wegen der radikalen Sparpolitik verwehrt wurde. Die Parteien waren zerstritten und das Volk war mit sechs Millionen Arbeitslosen arm. Wer vom Arbeitslosengeld leben musste, hatte zu viel zum Leben und zu wenig zum Sterben“, erinnert sich Irina Naumann.


Die Kindheit verbrachte sie in Thalexweiler-Aschbach. Als Älteste von acht Kindern musste sie im elterlichen Haushalt und in der Gastwirtschaft des Vaters viel mithelfen. Daher stimmte der Schulrat einem Gesuch zu und beschränkte im letzten Schuljahr ihren Schulbesuch auf zwei Tage in der Woche. Diese Doppelbelastung hielt das junge Mädchen nicht davon ab, das beste Zeugnis mit nach Hause zu bringen. In Neunkirchen besuchte sie später ein Abendgymnasium, um Stenografie und Schreibmaschinenschrift zu lernen. Irina Naumann erinnert sich noch an die die Zeit der Volksabstimmung von 1935, als die Mehrheit der Saarländer sich für eine Angliederung an das Deutsche Reich entschieden hatte. Irina Naumann: „In der Wirtschaft meines Vaters hatten wir das einzige Radio im Dorf. Die Abstimmung verfolgten viele Menschen in unserem Gasthaus. Als das Wahlergebnis verkündet wurde brach ein großer Jubel aus. Alte Leute weinten sogar vor Freude. Es konnte ja keiner ahnen, dass es später Krieg geben und alles so schlimm werden würde.“ Als Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß das Saarland besucht habe, hätte sie ihm einen Blumenstrauß bei einer öffentlichen Veranstaltung überreicht.


Das von der nationalsozialistischen Regierung der Stadt Saarbrücken geschenkte Staatstheater wurde 1938 von Adolf Hitler eröffnet. In ihren Aufzeichnungen schreibt sie über diesen Tag: „Im Jahre 1938 war ich als kaufmännische Angestellte in Saarbrücken beschäftigt. Hitler kam nach Saarbrücken, um das Theater einzuweihen. Es regnete in Strömen. Wir standen dicht gedrängt auf dem Vorplatz des Theaters. Keiner durfte den Schirm aufmachen, sonst hätte er die Sicht versperrt.“ Auch heute noch erinnert sich Irina Naumann an das Ereignis: „Wir rannten an diesem Tag die Bahnhofstraße auf und ab von einem Hotel zum anderen, da nicht klar war, in welchem Hotel Hitler wohnen würde. Als er kam hingen die Menschen überall an den Fenstern und jubelten. So eine Begeisterung habe ich nie mehr erlebt.“ Über die ab 1936 begonnene Errichtung des Westwalls als Gegenstück zur französischen Maginot-Linie habe sie über die Berichterstattung im Radio erfahren.


Nach Kriegsausbruch arbeitete Irmina Naumann nach der Evakuierung Saarbrückens zunächst in Bous und dann in Lothringen in der Lohnbuchhaltung eines Bauunternehmens. „In Lothringen gab es immer guten Kaffee mit einem Schuss Mirabellenschnaps. Ich fuhr mit einem Herrenfahrrad das Lohngeld von Metz auf die Baustellen nach Pont-à-Mousson. Mit den Bauarbeitern konnte man reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. An den Wochenenden fuhr ich oft nach Hause nach Thalexweiler. Zuhause konnten wir manchmal hören, wie die Bomben über Saarbrücken abgeworfen wurden“, erinnert sich Irina Naumann.


Nachdem viele Arbeiter der lothringischen Firma einberufen wurden, trat sie 1943 eine Stelle in der Buchhaltung eines Alpenkurhotels im Kleinwalsertal an. „Ich habe damals zwei Skikurse gemacht und bin viel Ski gefahren. Als das Hotel in ein Reservelazarett umfunktioniert wurde, hatte man uns dienstverpflichtet. Ich wurde Rechnungsführerin. Ich sollte als Nachrichtenhelferin nach Russland. Unser Stabsarzt setzte seine eigene Stellung aufs Spiel und erklärte mich für untauglich. So bewahrte er mich vor diesem Einsatz oder vor dem Tod durch Erschießen. Ich hatte damals einen Traum, in dem ich tapfer wie ein deutsches Mädel in den Gewehrlauf schaute. Nachdem ich erschossen wurde, stand ich immer wieder auf“, erinnert sich die Jubilarin. Nach Kriegsende 1945 kehrte sie in ihre Heimat ins Saarland zurück. In einem Lastwagen, versteckt unter einer Plane habe sie die Grenze überquert. Mit einem Güterzug ging es weiter nach Wemmetsweiler und von dort lief sie zu Fuß über Dirmingen nach Hause. „Als ich zu Hause eintraf war die Freude groß. Mein kleinster Bruder, er war 20 Jahre jünger als ich, dachte ich sei seine Tante“, verrät Irmina Naumann mit einem Augenzwinkern.


In ihrem Heimatdorf in Thalexweiler, in dem sie alt geworden ist, habe sich im Laufe der Zeit viel verändert. „Ich kenne fast jeden Einwohner und sein Schicksal. Damals war es eine fröhliche Zeit. Die Leute trafen sich und hielten in Freud und Leid zusammen. Abends saß man vor den Häusern zusammen und sang Lieder oder erzählte Dorfgeschichten. Und heute: Ich gehe mit meinem Rollator oft durch die Straßen, aber ich treffe selten Leute. Vor jedem Haus ein Auto, aber rede mal mit einem Auto. Wo sind die Kinder, die früher auf der Straße spielten? Kein Lachen und Toben. Die Leute sitzen vor dem Fernseher oder Computer. Die Zeit der kleinen Geschäfte, in denen sich die Menschen trafen und plauderten, ist vorbei“, schreibt sie in ihren Aufzeichnungen. Gerne denkt sie auch an ihre Kindheit zurück, die sie unbeschwert und fantasievoll vor allem im Garten der Großeltern erlebte: „Es gab kein Radio oder Fernsehen. Für uns Kinder war der Garten ein Paradies. Wir spielten Fang- oder Versteckspiele. Ich durfte mir einen kleinen Blumengarten anlegen. Da stand ein großer Birnenbaum. Nie wieder habe ich so gute Birnen gegessen.“ In ihrem Heimatdorf Aschbach führte sie 52 Jahre lang ein Haushaltswarengeschäft. „Ich habe immer viel gearbeitet, das hat mich fit gehalten. Zuletzt habe ich noch den jungen Burschen einen Torfsack auf den Karren gehoben, weil sie diesen wegen Rückbeschwerden nicht heben konnten, auf den Karren gelegt“, verrät die Seniorin mit einem Augenzwinkern. Den Laden gab sie mit 82 Jahren auf: „Dann begann meine dritte Lebensphase. Ich ging viel Spazieren und beschäftigte mich viel mit meinen acht Enkeln.“ Ihren Ehemann hatte sie schon früh in der Gastwirtschaft kennengelernt: „Ich war damals 27, er zehn Jahre älter. Er flirtete mit mir und ich dachte, was ist das denn für ein alter Junggeselle, benimmt sich wie ein 18-Jähriger.“ Das Paar bekam drei Töchter und einen Sohn. Irmina Naumann ist noch heute eine wahre Frohnatur. Wenn sie von ihren Erlebnissen aus vergangenen Zeiten erzählt, lachen ihre Augen und ihre Lebensfreude steckt einen an.
Eigentlich sei sie nie wirklich krank gewesen. Aber einmal habe sie sogar schon die letzte Ölung erhalten, als es ihr nicht gut ging: „Im Film hatte ich mal gesehen, dass die Herrschaften beim Sterben den Kopf auf eine Seite legen und die Augen schließen. Das machte ich dann auch, aber es klappte nicht. Naja, die Ölung habe ich dann jetzt schon.“ In ihrem Leben habe sie viel Glück und stets einen guten Schutzengel gehabt. Seit zwei Jahren lebt Irina Naumann nun im Seniorenhaus in Hasborn und fühlt sich pudelwohl: „Ich bekomme hier täglich von allen so viele Komplimente, mehr als zu früheren Zeiten.“ Die lebensfrohe Seniorin ist zufrieden und mit sich im Reinen. Im Alter von 94 Jahren schrieb sie: „Ich wollte immer etwas größer sein, nun bin ich fünf Zentimeter kleiner geworden, was mir nicht gefällt. Aber sonst ist alles einigermaßen in Ordnung und dafür muss ich in meinem Alter dankbar sein.“ Einen Wunsch hat sie dann aber doch noch: „Ich würde mich gerne mal mit einer anderen Hundertjährigen unterhalten, die noch genauso klar im Kopf ist, wie ich es bin.“


Marion Schmidt, Saarbrücker Zeitung
Veröffentlichung in der Saarbrücker Zeitung vom 24.01.2020

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